100 Jahre Route 66 – Und sie fühlt sich immer noch wie Aufbruch an
Es ist immer derselbe Moment.
Wir fahren mit dem Bus durch Arizona, zwischen Flagstaff und Kingman. Kurz bevor wir Seligman erreichen, greife ich zum Mikrofon.
„Willkommen auf der Route 66.”
Im Hintergrund läuft „(Get Your Kicks on) Route 66” von den Rolling Stones – und plötzlich zücken selbst die Coolsten im Bus ihr Handy.
Weil jeder spürt: Jetzt sind wir mitten in einer Geschichte.
Am 11. November 1926 wurde die Route 66 offiziell Teil des amerikanischen Highway-Systems. Chicago bis Santa Monica. Acht Bundesstaaten. Fast 4.000 Kilometer durch das Herz eines Landes, das gerade erst begann, sich neu zu erfinden.
Damals war ein Drittel der Strecke nicht einmal asphaltiert. Schotter, Staub, Holzplanken. Und trotzdem fuhren sie. Weil die Straße ein Versprechen war.
In den 1930er Jahren war sie Rettungsleine für Familien aus Oklahoma und Kansas. John Steinbeck nannte sie die „Mother Road”. Kein Marketingbegriff – sondern Realität.
Nach dem Krieg wurde sie Freiheit. Fenster runter, Radio an, einfach losfahren. 1946 schrieb Bobby Troup „(Get Your Kicks on) Route 66”. Und plötzlich war sie nicht nur Straße, sondern Mythos.
1985 wurde sie offiziell aus dem Highway-System gestrichen. Viele dachten: Das war’s.
War es nicht.
Seligman – wo die Route 66 nie aufgehört hat zu leben
Wenn wir in Seligman halten, ist das jedes Mal ein Höhepunkt.
Dort steht noch immer der Friseurladen von Angel Delgadillo. In den 1980er Jahren war es Angel, der sich weigerte, die Straße sterben zu lassen. Er gründete die Historic Route 66 Association of Arizona – und löste eine Bewegung aus, die bis heute wirkt.
Und das Schönste: Angel kommt immer noch ab und zu vorbei. Manchmal steht er plötzlich im Laden, begrüßt unsere Gäste, erzählt eine Geschichte. Der Shop wird inzwischen von seiner Familie geführt – und ich sage das ohne Übertreibung: Das sind wahrscheinlich einige der herzlichsten Menschen, denen man auf dieser Reise begegnet.
Egal wie oft wir dort stoppen – es fühlt sich nie nach Routine an.
Draußen stehen alte Pickups. Gegenüber leuchten Neon-Schilder. Und irgendwo zwischen all dem merkt man: Diese Straße lebt nicht von Asphalt. Sie lebt von Menschen.
2026 – 100 Jahre später
2026 wird die Route 66 hundert Jahre alt.
Ein ganzes Jahrhundert seit jenem 11. November 1926. Hundert Jahre Migration, Träume, Motels, Tankstellen, Diners, gescheiterte Existenzen und Neuanfänge.
Und sie ist immer noch da.
Nicht perfekt. Nicht geschniegelt. Nicht durchgehend befahrbar wie früher. Aber vielleicht gerade deshalb so ehrlich.
Wenn wir später wieder auf die Interstate auffahren, ist es kurz still im Bus. Jeder verarbeitet diesen Moment anders. Manche schauen aus dem Fenster in die Wüste. Andere scrollen durch ihre Fotos.
Und ich denke mir jedes Mal dasselbe:
Es gibt modernere Straßen. Schnellere. Bequemere.
Aber keine, die sich so sehr nach Aufbruch anfühlt wie die Route 66.
Hundert Jahre alt.
Und sie träumt immer noch.
100 Years of Route 66 – And It Still Feels Like the Open Road
It’s always the same moment.
We’re driving through Arizona, between Flagstaff and Kingman. Just before reaching Seligman, I grab the microphone.
“Welcome to Route 66.”
In the background, “(Get Your Kicks on) Route 66” by the Rolling Stones is playing — and suddenly even the coolest passengers pull out their phones.
Because everyone feels it: we’ve stepped into a story.
On November 11, 1926, Route 66 officially became part of the U.S. Highway System. Chicago to Santa Monica. Eight states. Nearly 2,500 miles through the heart of a country still defining itself.
In the 1930s, it became a lifeline. John Steinbeck called it the “Mother Road.” Not branding — reality.
After World War II, it became freedom. Windows down. Radio on. In 1946, Bobby Troup wrote “(Get Your Kicks on) Route 66.” The myth was sealed.
It was officially decommissioned in 1985. Many thought it was over.
It wasn’t.
Seligman — where Route 66 never stopped living
Stopping in Seligman is always a highlight.
The barbershop of Angel Delgadillo still stands. In the 1980s, Angel refused to let the road disappear. He helped spark the preservation movement that keeps Route 66 alive today.
And even now, he still drops by from time to time. Sometimes he suddenly appears in the shop, greeting our guests, sharing stories. The store is run by his family — and they are truly some of the kindest people you will meet on this journey.
No matter how many times we stop there, it never feels routine.
Draußen stehen alte Pickups. Gegenüber leuchten Neon-Schilder.
There are faster roads. Newer ones. More efficient ones.
But none that feel like possibility the way Route 66 still does.
A hundred years old.
And still dreaming.