Yellowstone. Was auf keinem Programm steht

Ich fahre seit vielen Jahren Gruppen durch Amerika. Yellowstone habe ich mehr als hundert Mal gemacht. Und trotzdem gibt es einen Moment, der fast immer derselbe ist: kurz nachdem wir den Westeingang passiert haben, Wald auf beiden Seiten, die Straße geradeaus.

Ich sage in das Mikrofon: „Wisst ihr, dass ihr gerade auf einem Vulkan fahrt?“

Nicht neben einem. Nicht vorbei an einem. Drauf.

Das ist keine Dramatisierung fürs Mikrofon. Yellowstone ist eine Caldera, das kollabierte Dach einer riesigen Magmakammer, die heute noch aktiv ist. Sechzig Kilometer lang, fünfundvierzig breit, fünf bis elf Kilometer unter euren Füßen. Die letzte große Eruption war vor 640.000 Jahren. Die nächste kommt irgendwann. Nicht heute. Aber das System läuft.

Der Boden hier atmet. Die Geysire, der Dampf, die heißen Quellen, die blubbernden Becken — das ist kein Naturspektakel im Postkartenformat. Das ist ein Supervulkan, der zeigt, dass er noch da ist.

Das Wort „Supervulkan“ verändert immer etwas im Bus. Nicht Panik. Eher eine kurze Neuordnung. Plötzlich sehen die Leute den Dampf zwischen den Bäumen anders an.

Ich sage meinen Gruppen immer vorab: Yellowstone ist kein Park, der sich von selbst öffnet. Das ist nicht der Grand Canyon, wo man am Rand steht und die Reaktion kommt, ob man will oder nicht. Hier ist vieles Fahren. Kiefernwald. Gerade Straße. Zwischen Old Faithful und dem Grand Canyon of the Yellowstone liegen fast achtzig Kilometer. Dazwischen vor allem Wald.

Wer mit einer bestimmten Erwartung kommt, wird an irgendeinem Punkt müde. Nicht von der Natur, sondern von der Erwartung.

Ich sage das nicht, um die Stimmung zu dämpfen. Ich sage es, weil das, was Yellowstone wirklich ist, sich nicht ankündigt.

Vor ungefähr dreizehn Jahren, in einer ruhigen Phase des Tages, auf einer Straße, die ich gut kannte, blieb uns plötzlich keine Wahl. Wir mussten anhalten.

Kein Schild. Keine Ansage. Kein geplanter Fotostopp. Auf der Straße vor uns: eine Grizzlybär-Familie. Die Mutter zuerst, dann die Jungen. Mitten auf der Fahrbahn. Sie gingen in ihrem eigenen Tempo, ohne einen Blick auf den Bus zu werfen. Sie überquerten die Straße, weil sie die Straße überquerten. Fertig.

seeing bears in Yellowstone np

Ich weiß nicht mehr, wie viele Minuten es waren. Die Kameras gingen hoch, ohne dass jemand etwas gesagt hatte. Absolute Stille im Bus. Und das sage ich nach vielen Jahren, in denen ich gelernt habe, dass Busse selten still sind.

Die Bären verschwanden in den Bäumen. Die Straße war leer. Wir fuhren weiter.

Das war kein gebuchter Moment. Der stand in keinem Reiseführer, in keiner Programmbeschreibung, in keiner Leistungsbeschreibung. Der passiert, weil man da ist. Weil man durch den Wald fährt, und hinter der Kurve steht etwas, das dort steht — unabhängig davon, ob du kommst oder nicht.

Das ist Yellowstone.

Old Faithful bricht aus, weil man nachschauen kann, wann er ausbricht. Das andere sieht man, weil man Glück hat, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein.

Und ich sage meinen Gruppen: Diese Möglichkeit ist real. Sie ist nicht garantiert. Aber sie ist offen für jeden, der durchfährt und die Augen nicht zumacht.

Heute Morgen, kurz nach dem Westeingang, sah ich wieder Dampf durch die Bäume steigen. Schmal, weit weg, drei oder vier Grad draußen. Vielleicht war es nur Feuchtigkeit nach dem Regen in der Nacht. Vielleicht war es ein Thermalgebiet irgendwo hinter den Kiefern.

Aber in Yellowstone ist genau das der Punkt: Man fährt weiter. Man schaut hinaus. Und manchmal zeigt der Park einem mehr, als jedes Programm versprechen könnte.

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