**Der Moment, bevor das Mikrofon angeht**
Es gibt einen Moment vor jeder Rundreise, den meine Gäste nie sehen.
Etwa fünfzehn Minuten bevor ich zum Bus gehe, sitze ich noch einmal allein auf meinem Hotelzimmer. Ein Kaffee steht neben mir. Ich schaue kurz aus dem Fenster, lasse die letzten Minuten auf mich wirken und sammle meine Gedanken.
Und obwohl ich das seit Jahrzehnten mache, ist da immer noch dieses Gefühl.
Eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität.
Es erinnert mich an früher, als ich Fußball gespielt habe. Kurz bevor man den Platz betritt. Man freut sich darauf, endlich loszulegen, und gleichzeitig ist da diese kleine Nervosität. Man hat schon unzählige Spiele gemacht, und trotzdem fühlt sich dieser Moment jedes Mal aufs Neue besonders an.
Manchmal habe ich sogar das Gefühl, ich hätte plötzlich alles vergessen.
Worüber werde ich als Erstes sprechen? Wie beginne ich? Was ist heute der richtige Einstieg?
Dabei weiß ich es in diesem Moment tatsächlich oft nicht.
Während ich noch allein mit meinem Kaffee im Hotelzimmer sitze, sind meine Gäste wahrscheinlich mit ganz anderen Gedanken beschäftigt. Sie überlegen, welchen Platz sie im Bus bekommen. Sie fragen sich, wie die nächsten zwei Wochen wohl werden. Manche kennen niemanden in der Gruppe. Andere hoffen einfach, dass sie die richtige Reise gebucht haben.
Sie kennen mich noch nicht.
Und ich kenne sie noch nicht.
Vielleicht sind wir uns in diesem Moment ähnlicher, als wir glauben.
Die Gäste merken von meiner Nervosität nichts.
Zumindest hoffe ich das.
Nach außen versuche ich vor allem eines auszustrahlen: Ruhe. Denn für viele beginnt gerade ein Urlaub, auf den sie sich seit Monaten freuen.
Alles ist neu. Für sie genauso wie für mich – wenn auch auf eine andere Art.
Und dann passiert etwas.
Die Bustür schließt sich.
Ich nehme das Mikrofon in die Hand.
„Guten Morgen zusammen …”
Fast jedes Mal ist es, als würde jemand einen Schalter umlegen.
Plötzlich ist alles wieder da. Geschichten, Erinnerungen, kleine Anekdoten, die richtigen Worte. Die Nervosität tritt in den Hintergrund, und die Freude übernimmt.
Manchmal passiert das sofort.
Manchmal dauert es ein paar Minuten.
Aber es passiert immer.
Und wenn es einmal weg ist, bleibt es weg. Nicht nur für diesen Morgen, sondern für die ganze Reise. Erst beim nächsten ersten Morgen, in einem anderen Hotel, vor einer anderen Gruppe, ist das Gefühl wieder da.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen, die ich in all den Jahren auf der Straße gelernt habe.
Selbstvertrauen kommt nicht immer, bevor wir losgehen.
Manchmal wartet es einfach auf den ersten Schritt.