Der Tag, den niemand geplant hatte

Anfang Oktober 2013 war ich mit einer Reisegruppe in South Dakota unterwegs. Wir kamen von Sioux Falls, besuchten am Nachmittag Mount Rushmore und fuhren danach ins Hotel nach Rapid City.

Für den nächsten Tag war etwas Schnee angekündigt. Nichts Besonderes. Im Westen kann sich das Wetter schnell ändern.

Unser Plan stand: weiter durch die Bighorn Mountains, nach Cody und schließlich zum Yellowstone-Nationalpark.

Am nächsten Morgen öffnete ich die Vorhänge.

Ich sah nichts.

Keinen Parkplatz, keine Autos, keine Straße. Nur Weiß.

Über Nacht war Rapid City in einem gewaltigen Schneesturm versunken. Als ich vor das Hotel ging, sank ich bis zu den Knien in den Schnee. Man konnte kaum zehn Meter weit sehen. Alle Straßen waren gesperrt.

Erst später begriff ich, dass wir mitten in Winter Storm Atlas gelandet waren — einem der heftigsten frühen Schneestürme, die South Dakota je erlebt hatte. In Rapid City fielen fast 60 Zentimeter Schnee, dazu kamen Windböen von über 100 km/h. Die Interstate war gesperrt. Der Westen South Dakotas stand still.

Wir saßen fest.

Für die Gäste war es eine Enttäuschung. Für mich war es zuerst Verantwortung: Sicherheit, Informationen, Essen, Stimmung.

Unser Hotel hatte kein Restaurant. Der Walmart nebenan war geschlossen. Nur eine Tankstelle ein Stück weiter war noch geöffnet.

Also nahm ich ein paar Gäste aus der Gruppe mit, und gemeinsam kämpften wir uns durch den Schnee. Die wenigen hundert Meter fühlten sich an wie eine Expedition zum Nordpol.

Wir kauften alles, was wir tragen konnten: Snacks, Getränke und Proviant für eine ungewisse Zeit.

Am Ende blieben wir zwei Tage.

Während wir im Hotel festsaßen, wurde draußen langsam klar, wie schlimm dieser Sturm für die Region war. Tausende Rinder verendeten in den Black Hills und auf den Ranches der Umgebung. Für viele Familien war es nicht nur ein Schneesturm, sondern eine Katastrophe.

Natürlich waren auch meine Gäste zunächst enttäuscht. Sie wollten weiterfahren, Yellowstone sehen und die Reise wie geplant fortsetzen.

Doch irgendwann änderte sich die Stimmung.

Wir öffneten den Wein, den ich noch im Bus hatte. Menschen spielten Karten, erzählten Geschichten, lachten miteinander und lernten sich besser kennen.

Aus einer Reisegruppe wurde für zwei Tage eine kleine Gemeinschaft.

Mehr als zwölf Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe unzählige Reisen begleitet, Nationalparks besucht und Tausende Kilometer zurückgelegt.

Aber an viele perfekte Reisetage erinnere ich mich kaum noch.

An diesen Schneesturm erinnere ich mich ganz genau.

Vielleicht, weil Reisen nicht nur aus den großen Sehenswürdigkeiten besteht. Nicht nur aus dem Grand Canyon, Yellowstone, berühmten Städten oder perfekten Fotos.

Reisen ist auch alles dazwischen.

Die Umwege. Die Begegnungen. Die Pläne, die nicht funktionieren. Und die Entscheidung, was wir aus einem Moment machen, den wir nicht kontrollieren können.

Vielleicht erinnere ich mich deshalb so genau daran: weil keiner diesen Tag wollte, aber alle etwas daraus gemacht haben.

Manchmal wird genau der Tag, den niemand geplant hat, zu der Geschichte, die wir noch Jahre später erzählen.

Frage der Woche: Wo ärgerst du dich gerade über einen Plan, der nicht aufgeht — obwohl vielleicht genau dort die eigentliche Geschichte beginnt?

— Sascha

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