Die Stadt, die man schon kennt

Es gibt Städte, in die meine Gäste zum ersten Mal kommen. Und es gibt Los Angeles. In Los Angeles waren die meisten irgendwie schon einmal.

Sie kennen die Palmen. Den Hollywood-Schriftzug. Beverly Hills, die Villen hinter hohen Hecken, den Rodeo Drive. Menschen mit Sonnenbrillen in Cabrios. Den Pazifik, immer im richtigen Licht. Seit Jahrzehnten liefert uns Los Angeles Bilder von sich selbst, durch Filme, Serien, Musikvideos und heute durch Instagram und TikTok. Vielleicht gibt es kaum einen Ort auf der Welt, von dem wir uns schon vor der Ankunft ein so fertiges Bild gemacht haben.

Und dann landen wir am LAX.

Irgendwann während der ersten Fahrt kommt fast immer die Frage: Wann sind wir denn eigentlich in Los Angeles? Ich mag diese Frage, denn sie zeigt, wie wir Städte normalerweise verstehen. Man fährt hinein, irgendwann wird es dichter, dann kommen die großen Gebäude, und da ist die Innenstadt. Paris funktioniert so. Wien auch. Selbst New York lässt sich auf diese Weise irgendwie begreifen.

Los Angeles nicht.

Hier fährt man durch Inglewood, vorbei an endlosen Straßenzügen, Einkaufszentren, Autowerkstätten, kleinen Restaurants, Wohnvierteln, Freeways. Irgendwann steht auf einem Straßenschild ein anderer Stadtname. Dann wieder Los Angeles. Dann vielleicht Beverly Hills, West Hollywood oder Culver City. Los Angeles County besteht aus 88 eigenständigen Städten, fast zehn Millionen Menschen leben in diesem riesigen Gebilde. Aber Zahlen erklären das Gefühl nicht.

Was meine Gäste überrascht, ist meistens etwas anderes: Das Los Angeles ihrer Vorstellung ist erstaunlich klein.

Natürlich gibt es Beverly Hills. Natürlich gibt es die Villen, die Studios, die Ferraris und die Menschen, deren Häuser mehr kosten als manche Dörfer. Das alles ist echt. Aber ein paar Straßen weiter beginnt oft ein völlig anderes Amerika. Menschen warten auf den Bus. Straßenverkäufer schieben ihre Wagen über den Gehweg. Vor einem kleinen Laden wird Spanisch gesprochen, daneben Koreanisch, ein paar Kilometer weiter Armenisch, Mandarin oder Tagalog.

Und dann ist da die Armut. Die Zelte. Die Menschen, die auf Gehwegen leben. Dinge, die in der Hochglanzversion von Los Angeles selten vorkommen.

Vielleicht liegt genau darin das Missverständnis.

Wir glauben, Hollywood habe uns Los Angeles gezeigt. Dabei hat Los Angeles uns Hollywood gezeigt.

Nach all den Jahren, in denen ich hier mit Gruppen unterwegs bin, finde ich die Stadt gerade deshalb interessant. Nicht weil sie dem Bild entspricht, das wir von ihr haben. Sondern weil sie es innerhalb weniger Stunden zerstört. Los Angeles ist glamourös und heruntergekommen. Unermesslich reich und sichtbar arm. Amerikanisch und gleichzeitig aus hundert anderen Welten zusammengesetzt. Schön und hässlich, manchmal innerhalb derselben Straße.

Manchmal reicht es, wenn eine Stadt einen zwingt, das Bild im eigenen Kopf gegen die Wirklichkeit einzutauschen.