Die Sprache, die niemand knacken konnte

Blick aus einem Türrahmen auf den linken Mitten im Monument Valley, davor zwei Besucher

Warum eine Wand voller Wörter im Monument Valley meine Gruppe jedes Mal leise werden lässt.

Wir kommen um zehn Uhr morgens an.

Das Tal macht das, was es immer macht: Es nimmt einem für einen Moment die Sätze weg.

Die Gruppe steigt aus dem Bus, alle greifen zur Kamera, und dann warten wir auf die offenen Wagen. Gefahren werden sie von Diné, die hier leben. Das ist kein Detail am Rand, sondern der ganze Unterschied.

Die Straße durch das Valley ist Sandpiste. Der Staub steht bis zum Mittag in der Luft, und die Türme, die man aus tausend Filmen kennt, sehen aus dieser Perspektive nicht mehr aus wie Kulisse, sondern wie Nachbarn.

Unser Fahrer erzählt von seiner Großmutter, von Schafen, von einem Hogan, an dem wir vorbeirollen. Er sagt Sätze, die kein Reiseleiter der Welt so sagen kann, weil sie ihm gehören.

Nach der Fahrt, mit rotem Sand in den Schuhen, gehen die Gäste ins Museum. Und dort passiert das, was ich an diesem Vormittag am liebsten mag.

Im kühlen Innenraum steht die Gruppe vor einer Wand voller Wörter.

Zwei Spalten Englisch, zwei Spalten Navajo.

Ein U-Boot heißt hier Eisenfisch. Ein Sturzkampfbomber heißt Hühnerhabicht. Der Januar heißt verharschter Schnee, der Dezember schlicht Weihnachten.

Niemand sagt etwas.

Es ist einer dieser Momente auf einer Reise, in denen eine Gruppe von ganz allein leise wird, weil sie merkt, dass hier etwas an der Wand hängt, das größer ist als eine Vitrine.

Im Frühjahr 1942 suchte das United States Marine Corps nach einem Funkcode, den die japanische Seite nicht innerhalb weniger Minuten entschlüsseln konnte. Die Lösung waren neunundzwanzig junge Männer aus dem Navajo-Reservat.

Sie bauten aus ihrer eigenen Sprache einen Code. Kein einfaches Übersetzen, sondern ein doppeltes Versteck: Alltagswörter für militärische Begriffe und zusätzlich ein Buchstabenalphabet aus Tiernamen.

Wer Navajo sprach, den Code aber nicht kannte, hörte scheinbaren Unsinn über Ameisen, Schildkröten und Truthähne.

Im Oktober 1942 kam der erste echte Test auf Guadalcanal. Danach ging es weiter über Tarawa, Bougainville, Saipan, Guam, Peleliu bis nach Iwo Jima und Okinawa.

Bis zum Ende des Krieges waren rund vierhundert Navajo Code Talker im Einsatz. Der Code wurde nie gebrochen. Er blieb danach so lange geheim, dass die Männer jahrzehntelang nicht einmal ihren Familien erzählen durften, was sie im Pazifik getan hatten.

Und genau hier liegt der Punkt, an dem meine Gäste meistens den Kopf schief legen.

Dieselbe Regierung, die diese Sprache im Krieg dringend brauchte, hatte Kinder aus genau diesen Familien Jahre zuvor in Internate gesteckt, in denen das Sprechen von Navajo bestraft wurde.

Manche der Männer, die später an den Funkgeräten des Marine Corps ihre Muttersprache einsetzten, hatten als Kinder gelernt, sie zu verstecken.

Wer wissen will, wie widersprüchlich die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und ihren indigenen Nationen ist, findet in diesem einen Gegensatz mehr Antwort als in manchem Schulbuch.

Ein paar Schritte weiter hängt die zweite Geschichte. Und sie ist unbequemer.

Ab 1942 kam der Uranbergbau in die Region, weil der Krieg das Material brauchte. Diné, wie sich die Navajo selbst nennen, zeigten den Prospektoren, wo das Erz lag, und arbeiteten später für kleine Löhne in den Stollen.

Schutzkleidung gab es nicht. Aufklärung über Strahlung auch nicht.

Grubenwasser gelangte in Brunnen, Quellen und Viehtränken. Das taube Gestein, das neben den Minen liegen blieb, wurde von Familien teilweise zum Hausbau verwendet, weil niemand ihnen erklärt hatte, was darin steckte.

Der Bergbau endete. Der Abfall blieb.

Mehrere hundert verlassene Minen liegen bis heute in diesem Land. Die Folgen für Wasser, Vieh und Menschen sind deshalb kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern ein gegenwärtiges Problem.

Was viele europäische Reisende überrascht, ist der dritte Teil dieser Geschichte: Die Navajo Nation ist kein Freilichtmuseum, sondern ein funktionierendes Gemeinwesen mit eigener Regierung, eigenen Gerichten, eigener Polizei und eigener Verwaltung.

Ihr Gebiet reicht über Teile von Arizona, Utah und New Mexico und ist etwas größer als Bayern.

Das Land ist in einhundertzehn Gemeinden gegliedert, die Chapters heißen. Jede besitzt ein eigenes Versammlungshaus und wählt lokale Amtsträger.

Diese Chapters entstanden ab 1927 zunächst als Versammlungen, in denen Bundesbeamte den Gemeinden ihre Politik mitteilten, darunter später auch die zutiefst verhasste Reduzierung der Viehherden in den Dreißigerjahren.

Aus Einrichtungen, die ursprünglich von außen geschaffen wurden, entwickelte sich über Jahrzehnte eine Form lokaler Selbstverwaltung.

Wer heute während einer Fahrt durch das Reservat an einem schlichten Gebäude mit Fahnenmast vorbeikommt, sieht deshalb nicht einfach ein Gemeindeamt. Er sieht die kleinste politische Einheit einer Nation, die sich selbst regiert.

An der letzten Tafel hängen die Zahlen. Sie stammen aus der US-Volkszählung des Jahres 2000, sind also ein Vierteljahrhundert alt. Hart sind sie trotzdem.

Damals lebten rund 165.000 Menschen im Reservat. Das mittlere Alter lag bei vierundzwanzig Jahren. Ein knappes Drittel der Wohnungen hatte keine vollständige Sanitärversorgung, sechzig Prozent keinen Telefonanschluss. Vierzig Prozent der Familien lebten unterhalb der Armutsgrenze.

Daneben steht ein Satz, den die Gemeinde selbst geschrieben hat. Sinngemäß heißt es darin:

Ja, viele von uns sind arm. Und trotzdem ist unser Leben reich, weil wir auf dem Land unserer Vorfahren leben, unsere Sprache sprechen und unsere Traditionen weiterführen.

Mehr als achtzig Prozent der Erwachsenen sprachen Navajo. Bei den Kindern und Jugendlichen war es noch gut die Hälfte.

Draußen wartet der Bus. Das Licht wird härter, und die roten Türme beginnen zu flimmern.

Meine Gruppe geht zurück durch den Gang, an den Wörtern vorbei.

Eisenfisch.

Hühnerhabicht.

Verharschter Schnee.

Eine Sprache, die man Kindern austreiben wollte, half im Pazifikkrieg dabei, entscheidende Nachrichten sicher zu übertragen. Heute wird sie von den Enkeln dieser Kinder weitergegeben, in einem Land, das sich seine eigene Verwaltung aufgebaut hat.

Das Monument Valley fotografiert sich schnell.

Diese Geschichte muss man sich erzählen lassen.

Häufige Fragen

Wurde der Code der Navajo Code Talker jemals geknackt?

Nein. Der Code hielt bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und blieb danach so lange geheim, dass die Männer jahrzehntelang nicht einmal ihren Familien erzählen durften, was sie im Pazifik getan hatten.

Warum war die Navajo-Sprache als Code so sicher?

Sie war doppelt versteckt. Alltagswörter standen für militärische Begriffe – ein U-Boot war ein Eisenfisch, ein Sturzkampfbomber ein Hühnerhabicht – und dazu kam ein Buchstabenalphabet aus Tiernamen. Wer Navajo sprach, den Code aber nicht kannte, hörte nur scheinbaren Unsinn über Ameisen und Schildkröten.

Was hat der Uranbergbau mit der Navajo Nation zu tun?

Ab 1942 wurde in der Region Uran abgebaut, ohne Schutzkleidung und ohne Aufklärung über die Strahlung. Der Bergbau endete, der Abfall blieb: Mehrere hundert verlassene Minen liegen bis heute im Land, und die Folgen für Wasser, Vieh und Menschen sind ein gegenwärtiges Problem.

Wie groß ist die Navajo Nation heute?

Ihr Gebiet reicht über Teile von Arizona, Utah und New Mexico und ist etwas größer als Bayern. Sie hat eine eigene Regierung, eigene Gerichte und Polizei und ist in einhundertzehn Gemeinden gegliedert, die Chapters heißen.