Esel und Elefant

Warum in Amerika selbst der mächtigste Präsident nicht allein regieren kann.
Sieht so aus, als hätte ich jetzt völlig den Verstand verloren: Ich schreibe über Esel und Elefanten. Aber bevor du mich als Spinner abstempelst, lies weiter.
Die beiden Tiere haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Außer in der amerikanischen Politik, und die ist auf meinen Reisen immer wieder ein Thema. Irgendwann kommt im Reisebus fast immer die Frage nach dem Präsidenten. Was darf er eigentlich alles? Kann er einfach entscheiden, was er will? Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass im Weißen Haus ein Mann sitzt, der praktisch alles bestimmen kann. Wer die Nachrichten in Europa verfolgt, könnte das tatsächlich glauben: ein Präsident am Rednerpult, eine Unterschrift vor laufender Kamera, und schon scheint die Sache erledigt. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Und um das zu erklären, beginne ich gerne mit zwei Tieren.
Amerika hat im Wesentlichen zwei große politische Parteien. Die Demokraten stehen traditionell eher für einen stärkeren Staat, soziale Programme, Gesundheitsversorgung und Klimaschutz. Die Republikaner betonen eher niedrigere Steuern, weniger staatliche Eingriffe und mehr Eigenverantwortung. Das ist natürlich stark vereinfacht. Beide Parteien vereinen sehr unterschiedliche Strömungen, und ein Demokrat aus Texas hat nicht unbedingt dieselben Vorstellungen wie einer aus San Francisco. Aber warum ausgerechnet ein Esel und ein Elefant?
Ein Pfälzer, zwei Tiere und die amerikanische Politik
Die Geschichte beginnt mit Andrew Jackson, dem siebten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Im Wahlkampf von 1828 bezeichneten ihn seine Gegner als „Jackass”, also als Esel, und das war keineswegs freundlich gemeint. Der Überlieferung nach machte Jackson aus der Beleidigung einfach ein Markenzeichen, denn ein Esel konnte schließlich auch als stur, ausdauernd und unbeugsam gelten. Wie viel davon tatsächlich stimmt, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Richtig bekannt wurden die beiden Tiere ohnehin erst durch einen Mann, der ursprünglich aus Deutschland kam.
Thomas Nast wurde 1840 in Landau in der Pfalz geboren und wanderte als Kind mit seiner Familie nach Amerika aus. Er wurde einer der bekanntesten politischen Karikaturisten des Landes und zeichnete für die Zeitschrift Harper’s Weekly. 1870 veröffentlichte er eine Karikatur mit dem Titel „A Live Jackass Kicking a Dead Lion”, auf der ein lebender Esel gegen einen toten Löwen tritt. Der Esel stand für die demokratischen Zeitungen der sogenannten Copperheads, die während des Bürgerkriegs die Politik Abraham Lincolns bekämpft hatten. Der Löwe symbolisierte den kurz zuvor verstorbenen Kriegsminister Edwin Stanton.
Vier Jahre später folgte der Elefant. In der Ausgabe vom 7. November 1874 erschien Nasts berühmte Zeichnung „The Third-Term Panic” über die Aufregung um eine mögliche dritte Amtszeit von Präsident Ulysses S. Grant. Darauf ist erstmals ein Elefant zu sehen, ausdrücklich beschriftet mit „The Republican Vote”. Nast hatte den Esel nicht erfunden, aber er machte beide Tiere zu dauerhaften Symbolen der amerikanischen Politik. Dass ausgerechnet ein Mann aus der Pfalz das politische Erscheinungsbild der Vereinigten Staaten so nachhaltig geprägt hat, erzähle ich meinen Gästen immer wieder gerne.
Wer hat in Washington eigentlich das Sagen?
Zurück zur Frage aus dem Reisebus. Der amerikanische Präsident hat erhebliche Macht, besonders in der Außenpolitik und als Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Der alleinige Herrscher über das Land ist er trotzdem nicht. Die Verfassung verteilt die staatliche Macht auf drei Bereiche, den Präsidenten mit seiner Regierung, den Kongress und die Gerichte, und jeder dieser Bereiche kann den anderen Grenzen setzen. Am deutlichsten wird das beim Geld. Der Präsident kann große Pläne verkünden, über die Bewilligung der staatlichen Ausgaben entscheidet aber der Kongress. Fehlt für Bundesbehörden die gesetzliche Finanzierung, kommt es zu einem sogenannten Government Shutdown.
Für Reisende ist das keine ferne Nachricht aus Washington. Im Oktober 2013, während der Amtszeit von Barack Obama, blieben sechzehn Tage lang die Nationalparks und viele nationale Museen geschlossen. Gruppen, die sich monatelang auf den Grand Canyon oder Yellowstone gefreut hatten, standen vor Absperrungen. Im Herbst 2025, während der Amtszeit von Donald Trump, erlebte Amerika dann den längsten Shutdown seiner Geschichte, vom 1. Oktober bis zum 12. November, insgesamt 43 Tage. In den Parks fehlten Ranger und Dienstleistungen, manche Bereiche wurden ganz geschlossen. Für einen Reiseleiter ist so etwas kein politisches Thema, sondern ein Problem, das morgens um sieben im Bus gelöst werden muss. Zwei Präsidenten, zwei Parteien, dieselbe Lektion: Ohne den Kongress geht vieles nicht.
Auch bei wichtigen Personalentscheidungen ist der Präsident auf den Senat angewiesen, denn Minister, Botschafter und Bundesrichter müssen in der Regel bestätigt werden. Er kann ein vom Kongress beschlossenes Gesetz mit seinem Veto ablehnen, doch stimmen beide Kammern anschließend mit Zweidrittelmehrheit dafür, ist das Veto überstimmt. Und schließlich sind da die Gerichte. Im Juni 2023 stoppte der Supreme Court mit sechs zu drei Stimmen den weitreichenden Schuldenerlass für Studenten, den Joe Biden auf Grundlage eines bestehenden Gesetzes umsetzen wollte. Im Februar 2026 traf es Donald Trump: Ebenfalls mit sechs zu drei Stimmen entschied das höchste Gericht, dass ein von ihm genutztes Notstandsgesetz keine Grundlage für seine weltweiten Zölle bot. Andere gesetzliche Wege für Zölle blieben davon unberührt. Obama, Biden, Trump, unterschiedliche Präsidenten mit unterschiedlichen Zielen, und keiner von ihnen konnte sich über die Grenzen seines Amtes hinwegsetzen. Genau das ist der Grundgedanke des amerikanischen Systems.
Der Dienstag, der Washington verändert hat
Alle zwei Jahre wählen die Amerikaner das gesamte Repräsentantenhaus und ungefähr ein Drittel des Senats neu. Am Dienstag, dem 3. November 2026, war es wieder so weit. Vor dieser Wahl kontrollierten die Republikaner beide Kammern des Kongresses, danach haben die Demokraten die Mehrheit in beiden gewonnen. Im Senat eroberten sie sieben bisher republikanische Sitze, unter anderem in Maine, Ohio, North Carolina und Texas, wo ich lebe. Mit James Talarico hat Texas zum ersten Mal seit 1988 wieder einen Demokraten in den Senat gewählt, und spätestens hier zeigt sich, dass ein texanischer Demokrat eben anders tickt als einer aus Kalifornien. Noch bemerkenswerter war Kansas, wo mit Adam Hamilton, einem methodistischen Pastor, zum ersten Mal seit 1932 ein Demokrat in den US-Senat einzieht.
Nach bisherigem Stand verfügen die Demokraten über mindestens 52 Sitze im Senat und kommen zusammen mit den beiden Unabhängigen, die sich ihrer Fraktion anschließen, auf mindestens 54 Stimmen. Auch im Repräsentantenhaus steht ihre Mehrheit fest, auch wenn einige Wahlkreise noch ausgezählt werden. Viele Kommentatoren sehen darin eine deutliche Absage an den Kurs von Donald Trump und den Republikanern. Mich interessiert vor allem, was sich praktisch verändert.
Am 3. Januar 2027 tritt der neue Kongress zusammen, und von diesem Tag an wird es für Präsident Trump wesentlich schwieriger, seine Vorhaben durchzusetzen. Die Demokraten werden die wichtigen Ausschüsse kontrollieren, sie können Untersuchungen einleiten, Dokumente anfordern und Regierungsvertreter vorladen. Neue Gesetze und Haushaltsbeschlüsse brauchen Mehrheiten in beiden Kammern, und bei vielen Ernennungen muss sich der Präsident mit einem Senat auseinandersetzen, in dem seine Partei nicht mehr die Mehrheit stellt. Er wird also verhandeln müssen. Doch auch die Demokraten haben Grenzen. Eine Zweidrittelmehrheit, mit der sie ein Präsidentenveto überstimmen könnten, haben sie nicht. Sie können die Regierung kontrollieren und Vorhaben blockieren, aber nicht einfach ihre eigene Agenda gegen den Willen des Präsidenten durchsetzen. Esel und Elefant müssen miteinander auskommen, ob es ihnen gefällt oder nicht.
Eine letzte Geschichte aus Washington
Wenn ich mit meinen Gruppen in Washington unterwegs bin, gehören das Kapitol und das Weiße Haus natürlich zu den wichtigsten Stationen. Zwischen beiden verläuft die berühmte Pennsylvania Avenue. Wer allerdings vom Kapitol in Richtung Weißes Haus schaut, sieht das Präsidentengebäude nicht, denn das mächtige Finanzministerium versperrt die Sicht. Dazu gibt es eine alte Washingtoner Geschichte. Andrew Jackson soll den Standort des Finanzministeriums persönlich so bestimmt haben, dass er vom Weißen Haus aus den Kongress nicht mehr sehen musste. Angeblich war er von den ständigen Auseinandersetzungen mit den Abgeordneten so genervt, dass er wenigstens den Blick auf das Kapitol loswerden wollte. Ob es wirklich so war, weiß niemand genau.
Der Mann mit dem Esel hat den Kongress vielleicht nicht sehen wollen. Losgeworden ist er ihn nicht. Keiner nach ihm.
Stand der Wahlergebnisse: 7. November 2026.
Häufige Fragen
Warum ist der Esel das Symbol der Demokraten und der Elefant das der Republikaner?
Der Esel geht der Überlieferung nach auf den Wahlkampf 1828 zurück, als Gegner Andrew Jackson einen Jackass nannten. Populär gemacht hat beide Tiere der in Landau in der Pfalz geborene Zeichner Thomas Nast in Harper's Weekly: den Esel 1870, den Elefanten 1874 in der Karikatur The Third-Term Panic.
Was hat sich bei der Zwischenwahl am 3. November 2026 verändert?
Die Demokraten haben nach bisherigen Zählungen beide Kammern gewonnen, im Senat mindestens 52 der 100 Sitze, zusammen mit den zwei Unabhängigen, die mit ihnen stimmen, mindestens 54. Eine Zweidrittelmehrheit hat keine Seite. Einzelne Rennen waren am 7. November 2026 noch offen, im Senat Alaska und Mississippi.