Amerika riecht manchmal nach Diesel und Kaffee

Iowa 80 – World's Largest Truckstop, Walcott, Iowa

Warum eine einfache Tankstellenpause für viele meiner Gäste zum unerwarteten Höhepunkt der Reise wird.

Es gibt einen Moment auf fast jeder Tour, den kein Katalog erwähnt. Er steht in keinem Reiseprogramm, hat keinen Eintrag im Tagesablauf, und trotzdem passiert er verlässlich irgendwo zwischen Sioux City und Chicago, zwischen Flagstaff und Albuquerque, zwischen all den Orten, die man eigentlich sehen wollte.

Der Bus biegt von der Interstate ab, rollt auf ein Meer aus Asphalt, und ich sage ins Mikrofon:

„Dreißig Minuten Pause.”

Was dann geschieht, folgt oft demselben Muster. Die ersten Minuten gehören der Logistik: Toiletten, Kaffee, vielleicht ein Snack. Und dann, statt zurück zum Bus zu gehen, driftet die Gruppe langsam auseinander.

Ich finde sie später auf der anderen Seite des Geländes wieder, dort, wo die Trucks parken. Sie stehen vor Maschinen, deren Räder ihnen bis zur Brust reichen. Sie fotografieren verchromte Kühlergrills, die in der Mittagssonne glänzen wie Kirchenaltäre. Manche legen vorsichtig die Hand auf einen Kotflügel, als müssten sie sich vergewissern, dass das alles echt ist.

Ein Gast fotografiert einen Peterbilt am Iowa 80 Truckstop – solche Momente entstehen von selbst

Es ist eine Tankstelle.

Ein Pilot, ein Love’s, ein Flying J. Namen, die für amerikanische Fernfahrer so alltäglich sind wie für uns eine Raststätte am Walserberg. Und genau darin liegt das Missverständnis, das ich so liebe: Für meine Gäste ist das keine Tankstelle. Es ist eine Bühne, auf der Amerika ungeschminkt auftritt.

Man muss dazu verstehen, was ein Truck hier bedeutet.

In Europa ist ein Lastwagen meistens ein Werkzeug: funktional, weiß oder grau, austauschbar. In Amerika ist ein Truck eine Persönlichkeit. Die langen Hauben, das Chrom, die Doppelauspuffrohre, die wie Orgelpfeifen hinter dem Fahrerhaus aufragen, die Schlafkabinen, die größer sind als manches Studentenzimmer in Wien.

Diese Maschinen fahren Strecken, für die man in Europa vier Länder durchqueren würde. Und der Mann oder die Frau am Steuer lebt oft wochenlang darin. Der Trucker ist vielleicht der letzte Verwandte des Cowboys: allein unterwegs, das Zuhause immer dabei, der Horizont als Arbeitsplatz.

Und die Tankstellen sind seine Städte.

Im Juni war ich mit einer Gruppe quer durch den Kontinent unterwegs, von San Francisco nach New York. An dem Morgen, an dem wir Sioux City in Richtung Chicago verließen, sagte ich ehrlich ins Mikrofon: Heute ist im Grunde ein Fahrtag. Links Mais, rechts Soja, und dazwischen wir. Dann machte ich eine Pause und fügte hinzu: Aber vielleicht habe ich eine Überraschung für euch. Mehr verriet ich nicht.

Die Überraschung liegt bei Walcott, Iowa, direkt an der Interstate 80: der Iowa 80 Truckstop, das größte Truckstop-Gelände der Welt. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich dort war, und es beeindruckt mich immer noch. Als wir vom Highway abbogen und das Gelände vor uns auftauchte, wurde es still im Bus. Dann kamen die ersten Handys heraus, noch durch die Scheiben.

Hunderte Trucks parken dort in Reihen, die kein Ende nehmen wollen. Drinnen gibt es Restaurants, einen Kinosaal für Fahrer, einen Zahnarzt, einen Friseur, einen Chiropraktiker, eine Kapelle. Dazu einen Showroom, in dem Trucks glänzen wie in einem Automuseum, und ein echtes Trucking-Museum gleich nebenan.

Man kann dort Stiefel kaufen, Cowboyhüte, Chromzubehör in einer Auswahl, die jeden Baumarkt beschämt, und Beef Jerky in Varianten, von denen ich bis heute nicht alle probiert habe.

Meine Gäste verlieren sich in diesem Ort. Buchstäblich. Ich habe schon Durchsagen machen lassen.

Aber vor allem verlieren sie dort eine Erwartung: die Vorstellung, dass Amerika nur an den berühmten Orten stattfindet.

Der Grand Canyon ist überwältigend. Chicago ist großartig. Keine Frage. Aber der Grand Canyon steht auch auf jeder Postkarte.

Was auf keiner Postkarte steht, ist der Moment, in dem ein Ehepaar aus Graz neben einem schwarzen Peterbilt mit Flammenlackierung steht und der Fahrer, Baseballcap, Südstaatenakzent, herüberkommt und fragt, ob sie mal ins Führerhaus schauen wollen. Solche Momente kann man nicht buchen. Man kann nur oft genug anhalten, damit sie passieren.

Ich glaube inzwischen, dass die geplanten Höhepunkte einer Reise nur das Gerüst sind. Das eigentliche Amerika wohnt in den Zwischenräumen, an den Orten, die für Einheimische so gewöhnlich sind, dass sie sie gar nicht mehr sehen. Wer das einmal auf der Route 66 erlebt hat, weiß genau, wovon ich spreche.

Meine Gäste sehen sie. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum man reist.